KI kann viel - aber kann sie auch Unternehmenskultur?
Die HRM-Experts Group ist ein Zusammenschluss von Unternehmer/innen, die für oberösterreichische Firmen beratend durch ihre unterschiedlichen Schwerpunkte im Bereich Führungs- und Personalentwicklung tätig sind.
Jeden Monat stellen wir ein herausragendes Mitglied der HRM-Experts Group vor. Der Unternehmensberater des Monats November ist Mag. Dieter Vogel, Emotionsforscher und Experte für emotionaler Kompetenz im Business.
Warum psychologische Sicherheit ohne emotionale Kompetenz zu kurz greift
Kaum ein Thema beschäftigt Unternehmen derzeit so intensiv wie Künstliche Intelligenz. Wir diskutieren über Produktivität, neue Geschäftsmodelle, veränderte Berufsbilder und darüber, welche Kompetenzen Mitarbeiter künftig benötigen werden.
Gleichzeitig hat ein zweiter Begriff Hochkonjunktur: psychologische Sicherheit.
Auf den ersten Blick zwei unterschiedliche Themen. Bei genauerem Hinsehen gehören sie eng zusammen. Denn je technologischer unsere Arbeitswelt wird, desto wichtiger wird die menschliche Fähigkeit mit den Emotionen umzugehen, die diese Veränderungen auslösen.
Der Microsoft Work Trend Index 2026 unterstreicht diese Dimension: In einer Befragung von 20.000 KI-Nutzer gaben 66 % an, dank KI mehr Zeit für hochwertige Tätigkeiten zu haben. Gleichzeitig zeigt die Untersuchung: Organisatorische Faktoren wie Unternehmenskultur, Unterstützung durch Führungskräfte und Personalpraktiken, haben etwa doppelt so viel Einfluss auf den berichteten KI-Nutzen, wie die individuelle Anstrengung allein.
Technologie ist also nur ein Teil der Transformation.
Die vielleicht wichtigste Transformation findet nicht im Computer statt
KI kann Informationen in Sekunden analysieren, Texte erstellen, Prozesse automatisieren und Entscheidungsgrundlagen liefern. Was sie uns jedoch nicht abnimmt, ist unsere emotionale Reaktion auf Veränderung.
- Was empfindet eine Mitarbeiterin, wenn Tätigkeiten, für die sie jahrelang Expertise aufgebaut hat, plötzlich von einer KI in Sekunden erledigt werden?
- Was passiert mit einem erfahrenen Mitarbeiter, wenn ein jüngerer Kollege mit KI-Unterstützung Aufgaben schneller bewältigt als er?
- Wie offen experimentieren Menschen mit neuen Technologien, wenn sie gleichzeitig Angst haben, Fehler zu machen, oder den Anschluss zu verlieren?
Genau an dieser Stelle wird aus einem technologischen Thema ein zutiefst menschliches. Die entscheidende Frage lautet dann nicht mehr nur:
„Was kann KI?“ sondern: „Was macht KI mit uns – und wie gehen wir damit um?“
Psychologische Sicherheit: mehr als eine angenehme Arbeitsatmosphäre
Psychologische Sicherheit wird manchmal missverstanden als eine Unternehmenskultur, in der möglichst wenig Konflikte entstehen und sich alle wohlfühlen sollen.
Doch darum geht es nicht. Amy Edmondson, eine der maßgeblichen Forscherinnen auf diesem Gebiet, beschreibt psychologische Sicherheit als die gemeinsame Überzeugung eines Teams, dass zwischenmenschliche Risiken möglich sind: Fragen stellen, einen Fehler eingestehen, eine abweichende Meinung vertreten oder um Hilfe bitten. Bereits ihre grundlegende Untersuchung von 51 Arbeitsteams zeigte einen Zusammenhang zwischen psychologischer Sicherheit und dem Lernverhalten von Teams.
Gerade in Zeiten großer Veränderungen ist diese Fähigkeit von erheblicher Bedeutung, denn Innovation braucht Widerspruch und Lernen braucht Fehler. Veränderung braucht Experimentierbereitschaft und Zusammenarbeit braucht Vertrauen.
All diese Begriffe haben neben ihrer rationalen auch eine starke emotionale Dimension.
Sicherheit muss erlebt werden
Ein Unternehmen kann Werte formulieren, Führungsleitlinien entwickeln und seinen Mitarbeiter versichern:
„Bei uns darf jeder seine Meinung sagen.“
Ob Menschen das tatsächlich tun, entscheidet sich jedoch nicht auf dem Papier, sondern in konkreten Situationen. Was passiert, wenn jemand widerspricht? Wie reagiert die Führungskraft auf einen Fehler? Was geschieht mit einer kritischen Wortmeldung? Und wie reagieren wir selbst, wenn wir uns kritisiert, übergangen oder nicht ernst genommen fühlen? Damit kommen wir zu einem Aspekt, der in der Diskussion um psychologische Sicherheit meines Erachtens noch zu wenig Aufmerksamkeit erhält:
Psychologische Sicherheit braucht emotionale Kompetenz. Denn Vertrauen, Sicherheit, Zugehörigkeit und Wertschätzung lassen sich nicht verordnen. Sie müssen von Menschen erlebt und in Beziehungen immer wieder hergestellt werden
Emotionale Kompetenz beginnt bei der Selbstführung
In meiner Arbeit mit Führungskräften und Mitarbeiter begegnet mir immer wieder eine interessante Diskrepanz: Menschen wissen häufig sehr genau, wie sie sich verhalten sollten:
Sie sollten ruhig bleiben, sachlich kommunizieren, Kritik nicht persönlich nehmen, offen für Veränderungen sein und konstruktiv mit Konflikten umgehen. Und trotzdem gelingt genau das im entscheidenden Moment nicht.
Wenn Ärger, Angst, Kränkung, Unsicherheit oder Stress die Führung übernehmen, reicht rationale Einsicht allein meist nicht aus. Dann greifen automatisierte Bewertungs- und Reaktionsmuster schneller, als uns bewusst ist.
Dass diese emotionale Seite der Arbeitswelt keineswegs ein Randthema ist, zeigen auch aktuelle Zahlen. Laut Gallups „State of the Global Workplace 2026“ waren 2025 weltweit lediglich 20 % der Beschäftigten engagiert; gleichzeitig liegen berichtete Stress-, Ärger- und Traurigkeitswerte weiterhin über dem Niveau vor der Pandemie.
Emotionale Kompetenz bedeutet daher weit mehr, als Gefühle benennen zu können. Sie bedeutet nicht nur, die eigene emotionale Reaktionen wahrzunehmen und deren Wirkung zu verstehen, sondern – und hier wird es erst richtig spannend - wieder die Gestaltungsfähigkeit zu wahrzunehmen!
Aus Reaktion wird Handlung. Aus emotionalem Autopiloten wird Selbstführung.
KI macht emotionale Kompetenz nicht überflüssig – sondern notwendig!
Vielleicht liegt genau darin eine der spannendsten Entwicklungen unserer Arbeitswelt – und deren größtes Potenzial.
- KI kann mir innerhalb weniger Sekunden zehn Argumente für eine Entscheidung liefern. Aber habe ich den Mut, oder das Engagement, eine davon umzusetzen?
- KI kann einen Konflikt analysieren und mir fünf Gesprächsstrategien vorschlagen.
Aber schaffe ich es auch, meine Verärgerung so zu regulieren, dass ich diese Strategien im entscheidenden Gespräch tatsächlich anwenden kann? - KI kann mir erklären, wie gute Führung funktioniert.
Aber kann ich ruhig, besonnen und klar bleiben, wenn ein Mitarbeiter meine Entscheidung vor versammelter Mannschaft infrage stellt?
Hier zeigt sich die Grenze zwischen Wissen und gelebter Kompetenz.
Von der emotionalen Intelligenz zur emotionalen Gestaltungskompetenz
Ich denke, wir sollten deshalb noch einen Schritt weiterdenken. Es reicht künftig nicht, emotional intelligent zu sein und die eigenen Gefühle oder jene anderer Menschen richtig einordnen zu können. Menschen benötigen die Fähigkeit, mit emotional herausfordernden Situationen aktiv und konstruktiv umzugehen.
- Wie komme ich aus einer Ärgerreaktion wieder heraus? Wie bleibe ich bei Unsicherheit handlungsfähig?
- Wie gehe ich mit Widerstand gegen Veränderungen um?
- Wie kann ich einen Konflikt emotional entschärfen?
Mit genau dieser Art von Fragen beschäftige ich mich derzeit auch intensiv in einem größeren Buchprojekt. Dabei wird eines immer deutlicher:
Zwischen dem Verstehen einer Emotion und der Fähigkeit, mit ihr konstruktiv umzugehen, liegt ein entscheidender Entwicklungsschritt.
Die Zukunft braucht technologische UND emotionale Kompetenz
Unternehmen investieren derzeit zu Recht erhebliche Personalressourcen in KI-Kompetenz. Mitarbeiter lernen zu prompten, KI-Ergebnisse kritisch zu bewerten und neue Technologien in ihre Arbeitsprozesse zu integrieren.
Vielleicht sollten wir parallel dazu eine zweite Kompetenzoffensive starten: eine, die diese Menschen auch befähigt, mit Unsicherheit, Veränderung, Konflikten, Fehlern, Leistungsdruck und den eigenen emotionalen Reaktionen besser umzugehen.
Denn die Qualität eines Unternehmens entscheidet sich auch künftig nicht allein daran, welche Technologie eingesetzt wird. Sie entscheidet sich auch daran, wie Menschen miteinander umgehen, wenn es schwierig wird.
Psychologische Sicherheit schafft dafür einen wichtigen Rahmen, während Emotionale Kompetenz Menschen hilft, diesen Rahmen mit Leben zu füllen. Die Positive Psychologie und im speziellen das Emotionale Erfahrungslernen zeigen auf, wie diese Kompetenz erlernbar ist. Und KI? Sie kann uns vieles erleichtern.
Menschlich miteinander arbeiten müssen wir weiterhin selbst
Gerne tausche ich mit Ihnen zu Themen psychologischer Sicherheit und Emotionale Selbststeuerung als Schlüsselkompetenz für Führung, Zusammenarbeit und Leistungsfähigkeit unter Druck aus.
Mag. Dieter Vogel
Trainer & Coach für emotionale Kompetenz, Selbstführung und Leadership
Schnell und einfach finden Sie hier weitere HRM Experts, die Sie gerne unterstützen.
Forcast:
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